Tickt vor Helgoland eine „Giftgas-Zeitbombe“?
Etwa vier Kilometer vor der Küste Helgolands lagern 90 Tonnen Kriegsmunition, und zwar der hochgefährliche Nervenkampfstoff Tabun. Unter „Granaten bleiben im Meer — Landesregierung: Bergung der 90 Tonnen Kriegsmunition zu risikoreich” berichtet die DLZ vom 12.02.2010 auf Seite 4 darüber.
Die Ausführungen beginnen: „Die Gefahr schlummert seit 60 Jahren auf dem Meeresgrund und wird es auch in Zukunft tun: 6000 Giftgas-Granaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges südlich von Helgoland versenkt wurden, werden nicht geborgen.” Die erste Frage lautet: Wer hat die Granaten dort versenkt? Dazu heißt es: „Die 90 Tonnen Kriegsmunition waren im September 1949, nur vier Kilometer vor der damals noch unbewohnten Nordseeinsel auf Anweisung der britischen Militäradministration, versenkt worden.” Es ist eine Frechheit von einer damals „noch unbewohnten Insel” zu sprechen, ohne zu erwähnen, weshalb sie zu dem Zeitpunkt unbewohnt war. Die Bevölkerung war nach Kriegsende von den Briten vertrieben worden, weil man die Insel zerbomben wollte. Das gelang aber zum Glück nicht.
Und warum werden die Granaten nicht endlich geborgen, bevor sie verrotten und dabei ein Seegebiet unbekannter Größe verseuchen? Der „Staatssekretär des Innenministeriums Volker Dornquast” erklärte, daß die Granaten erst richtig gefährlich werden, „wenn man versuchen sollte, sie zu beseitigen. Der Entscheidung seien intensive Recherchen und fachliche Beratungen vorausgegangen”.
Einige mutige junge Deutsche besetzten schließlich die Insel und setzten damit der Bombardierung ein Ende! Die Helgoländer konnten trotzdem nur auf ihre total zerstörte Insel zurückkehren, weil Adenauer den „Großen Knechtsand” als „Ersatzinsel” für die englischen Bombenabwürfe anbot. Diese Insel liegt vor der Weser- und Elbmündung im östlichsten niedersächsischen Wattenmeer. Ab 1952 diente sie der Royal Air Force als Abwurfgebiet für scharfe Spreng- und Brandbomben. Der Vertrag lief 1957 aus und wurde wegen des Erwachens starken Umweltbewußtseins nicht verlängert, wie es in Wikipedia heißt.
Mit welchem Recht wurde die Helgoländer Bevölkerung vertrieben und mit welchem Recht maßte sich die britische Militärmacht an, deutsche Inseln als Bombenübungsgebiete nach Kriegsende zu benutzen?
Der Berichterstatter des Zeitungsartikels kommt dann näher auf das Nervengift zu sprechen. Er schreibt: „Ihr gefährlicher Inhalt: Der Nervenkampfstoff Tabun. Er wirkt binnen Sekunden auf das menschliche Nervensystem, führt in hoher Konzentration nach wenigen Minuten zum Tod, Gasmasken bieten keinen Schutz.
Daher sei die Gefahr zu groß, daß die Granaten während des Hebens aus rund 50 Meter Tiefe aufgrund des nachlassenden Außendrucks aufplatzten, erklärte Dornquast. ,Für unsere Taucher wäre das nicht zu verantworten.”
Jetzt sollen Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet werden. „Die Marine wird gebeten, ihre Übungen in dem Gebiet einzuschränken. Auch ein Fischereiverbot, das erste in deutschen Gewässern, soll ausgesprochen werden.”
Merkwürdig, daß nicht schon viel früher Vorsichtsmaßnahmen ergriffen wurden. Man will doch wohl nicht behaupten, daß dieses von einer Besatzungsmacht vier Jahre nach Kriegsende verübte Verbrechen nicht bekannt war!
Sehr widersprüchlich sind die Aussagen des Staatssekretärs. Einmal heißt es, daß „aus den meisten Granaten das Tabun bereits ausgewaschen” wurde. Auf der anderen Seite erklärt er, daß „der aktuelle Zustand der Granaten bisher unklar” ist. Im vorigen Jahr wurden mehrere „Meßfahrten des Kampfmittelräumdienstes” durchgeführt. Mit „Sonartechnik” konnte man die Munition zwar orten, aber „Videoaufnahmen waren aufgrund der Wetterverhältnisse nicht machbar, sollen aber folgen. Fest steht immerhin, daß die Granaten nicht auf einem Haufen liegen. Das hatte der Fachmann für Kriegsmunition, Stefan Nehring, zunächst noch angenommen, und vor einer Giftgaswolke in Folge einer Detonation gewarnt.” Vor zwei Jahren hatte Nehring bei „Recherchen in zahlreichen Archiven erstmalig Hinweise für die Versenkung von Giftgas-Munition vor Helgoland” gefunden und „die Regierungen der Küstenländer” wegen der „Verharmlosung” kritisiert. Eine Verharmlosung ist nur möglich, wenn man von einer Sache weiß und diese zu verheimlichen oder herunterzuspielen versucht.
Außerdem werden die Kriegsgegner immer so gern als Freunde bezeichnet, aber wie ist es mit einer Freundschaft zu vereinbaren, wenn die deutsche Regierung nicht von der britischen über die Giftgasversenkung in Kenntnis gesetzt wird?
Auf jeden Fall ist es mehr als merkwürdig, daß das deutsche Volk erst nach fast 60 Jahren über die Giftgaslagerung informiert wird.




