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Wer Verbrechen totschweigt, schadet den Migranten

Viele wohlmeinende Bürger relativieren Schwerstkriminalität vor allem unter
Türken und Arabern. Diese Haltung ist verbohrt und gefährlich.

Foto picture-alliance/ dpa/dpa Einsatz nach einer Massenschlägerei in Berlin

Foto picture-alliance/ dpa/dpa Einsatz nach einer Massenschlägerei in Berlin

Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Günter Piening, warnt, die Debatte
um Kinderdealer und kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund
undifferenziert zu führen. Bei elfjährigen Heroin-Kurieren und Intensivtätern mit
arabischer Herkunft handele es sich nur um „absolute Ausnahmefälle“, die nicht
verallgemeinert werden dürften. Das erinnert an Bischöfe, die angesichts der
Missbrauchsskandale vor Pauschalkritik warnten und eine Kampagne gegen die
Kirche witterten. Man kann auch an ostdeutsche Bürgermeister denken, die
Berichte über Rechtsradikalismus für übertrieben halten.
Was zwingt Integrationspolitiker und generell viele Bürger mit wohlwollender
Haltung gegenüber Einwanderern dazu, nach Enthüllungen über
Schwerstkriminalität unter Migranten zu reden wie verbohrte Reaktionäre und
uneinsichtige Beschwichtiger?
Warum werden, noch bevor der Schrecken betrachtet oder analysiert worden ist,
gleich Salven der Relativierung und des Verdachts gegen vermeintliche
Ausländerfeinde abgeschossen, wenn nun im Buch der verstorbenen Berliner
Richterin Kirsten Heisig die Gewalttaten junger Migranten und die
staatsfeindlichen Strategien ihre Familien beschrieben werden? Und warum wurden
Kirsten Heisig bei ihrem Einsatz gegen Versäumnisse und Ausflüchte der Justiz,
der Jugendämter und des Gesetzgebers immer wieder von „aufgeklärten“ Leuten
Steine in den Weg gelegt?
Rücksicht auf Migranten kann der Antrieb solcher Verdrängung nicht sein. Denn es
sind ja vor allem Migranten selbst, die unter Vergewaltigern, Schlägern und
Räubern aus arabischen sowie einigen türkischen und kurdischen Gruppen leiden.
Deutsche fallen denen nur selten zum Opfer.
Bedroht aber sind türkische Mädchen, die sich mit den Jung-Machos einließen und
dann bei Trennungsabsichten schwer misshandelt werden, sind vietnamesische
Viertklässler, die von Mitschülern verprügelt, sind italienische Busfahrer-Söhne,
denen jedes Handy geraubt wird. Gerade also wer Migranten wohl will – zumal den
unterprivilegierten in ärmlichen Stadtteilen –, muss gegen junge Kriminelle aus
Migrantenfamilien vorgehen. Denn deren Tun ist exzessive Gewalt gegen
Ausländer.
Wo das verkannt und die Kritik an Gewaltstrukturen in einzelnen
Migrantengruppen unausgesprochen bleiben soll, berührt sich die vermeintliche
Ausländerfreundlichkeit mit der Xenophobie. Wie in dieser wird beim
Beschwichtigen so getan, als gebe es „die“ Ausländer, wobei sich Xenophobiker
und Verdränger nur darin unterscheiden, dass Erstere „den“ Migranten alles Üble
zutrauen, Letztere hingegen nichts Übles.

Kritik nur am Ausland?

Wie sehr dabei die Zuwanderer entmündigt werden, wie sehr ihnen das Recht auf
individuelle Würdigung und Rechtstaatlichkeit abgesprochen wird, zeigt sich beim
Blick darauf, wie wir auf Missstände in deren Herkunftsländern reagieren. Lebhaft
ermutigen wir Italiener, gegen die Mafia-Clans in ihrem Land vorzugehen, feuern
wir Türkinnen an beim Kampf gegen patriarchalische Herrschaft und libanesische
Nichtregierungsorganisationen beim Einsatz gegen gewalttätige Drogenkartelle von
Jugendlichen. Wenn all das aber nach Deutschland gelangt, wenn sich hier
mafiotische Clans, Frauenunterdrückung und Schlägerbanden breitmachen – soll
dann die Kritik nicht geübt, soll dann nicht eingeschritten werden?
Es scheint, als hätten manche Leute die Globalisierung noch nicht begriffen, als
meinten sie, dass Aufklärung und Kritik sich nach Ländergrenzen richten müssten.
Jenseits der Grenzen – ja, da dürfen wir anprangern. Aber innerhalb unserer
Grenzen, da soll man beschwichtigen. Als sei es für lernwillige türkische Kinder
nicht egal, ob sie in ihrem Herkunftsland oder in Deutschland von Intensivtätern
bedroht werden.

Dunkle Seiten aufklären

Es hat bis jetzt noch jeder Institution und sozialen Gemeinschaft gut getan, wenn
ihre dunklen Seite aufgeklärt und Missstände abgestellt wurden. Kinderheime
haben sich nach der Aufdeckung vieler Prügeleien regelrecht verwandelt, Kasernen
wurden nach Berichten über Rekrutenmisshandlungen sicherer, deutsche
Durchschnittsfamilien nach jahrzehntelangen Diskussionen über Gewalt und
Männerherrschaft freundlicher, und in den Kirchen spricht alles dafür, dass die
Debatte über Missbrauch nun ähnlich hilfreich ist.
Immer zwar gab es Leute, die das Gegenteil behaupteten, die von Diffamierung und
Beschädigung der Institutionen oder Gruppen sprachen. Doch eingetreten ist stets
das Gegenteil, es wurde besser. Warum sollten wir diese segensreiche Wirkung der
Aufklärung den Migranten vorenthalten?

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article8652673/Wer-Verbrechentotschweigt-

schadet-den-Migranten.html

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