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Artikel-Schlagworte: „Impfung“

Schweinegrippen-Impfung – Eine Frage des Vertrauens?

Die sozialdemokratische Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sieht Deutschland »gut vorbereitet« auf die Schweinegrippe-Impfung: »Die Bürger«, so behauptet die Nichtmedizinerin, könnten »darauf vertrauen, daß wir alle Maßnahmen, die nötig sind, auch treffen und daß wir alles tun werden, daß der Schutz der Bevölkerung so groß wie möglich ist«. Schmidt appelliert, daß sich vom Herbst an erst chronisch Kranke und Schwangere impfen lassen sollten. Sollten sie das wirklich tun?In den Systemmedien werden derzeit katastrophale Endzeitbilder heraufbeschworen. Ein Massensterben ungeahnten Ausmaßes stünde uns bevor. Die Zahl der Erkrankten steige unaufhaltsam. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat schon vor Wochen die höchste Alarmstufe ausgerufen und die Influenza zur Panepidemie erklärt, was bedeutet, daß sich die Grippe weltweit verbreite und sich nicht mehr eindämmen lasse. Tatsächlich mußten wegen der erhöhten Ansteckungsgefahr in vielen Ländern, auch in Deutschland, bereits Kindergärten und Schulen schließen.

Die Gefahr ist unsichtbar. Sie lauert auf jedem Türgriff, auf jedem Knopf am Fahrkartenautomat, auf jeder Hantel im Kraftstudio, auf jeder Tastatur in Internetcafes, auf jedem Buch in Bibliotheken, auf jeder DVD in Videotheken. Der Mannschaftskamerad im Sportverein wird zu einer einzigen Bedrohung, ebenso wie die harmlos aussehende Omi in der U-Bahn. Jedes Sportstadium, jedes vollgepackte Flugzeug, jeder Massenveranstaltung ein Hort potentieller Todesgefahr. Die Schweinegrippe grassiert. Niemand ist vor ihr gefeit. Da trifft es sich gut, daß wir über so vorausschauende Politiker und selbstlos handelnde Mediziner verfügen, denen wir unser Vertrauen schenken können.

Ohne Frage ist das Virus ist tückisch. Aber ist das nicht jeder Grippeerreger? Grippe ist bekanntlich eine von Influenza-Viren ausgelöste Infektionserkrankung, die vor allem durch Tröpfchen, aber auch über den Kontakt mit infektiösem Material übertragen wird. Dementsprechend leicht ist eine Ansteckung. Viele Millionen Menschen infizieren sich jährlich weltweit. Ein relativ geringer Prozentsatz der Erkrankten – bis zu 500.000 Menschen – stirbt jedes Jahr an Grippe. Das mag sich zunächst viel anhören. Diese Zahl muß jedoch im Vergleich gesehen werden. Einem in der Ärzte Zeitung erschienenen Bericht über Todesursachen entnehmen wir, daß 2004 insgesamt 58,8 Millionen Menschen starben, 17,1 Millionen von ihnen aufgrund Herzkreislaufleiden. In Deutschland bewegt sich die Sterblichkeit an Grippe pro Saison zwischen 10.000 und 30.000 Menschen. Bis Mitte August sind weltweit 2.349 Menschen an der Schweinegrippe gestorben, 63 von ihnen in Europa. Man wird einräumen dürfen, daß diese Zahlen sich im überschaubaren Bereich bewegen. Die Sterberate kann also kein Grund zur Panik sein.

Trotzdem wird überall und allenthalben von Schutzmaßnahmen gesprochen. Allerdings nicht etwa von natürlichen Schutzmaßnahmen, die nichts kosten, wie etwa der Verzicht auf den Besuch von Großveranstaltungen vor allem in überfüllten Räumen, selbstverständliche Hygienemaßnahmen wie mehrfaches tägliches Händewaschen oder die Erhöhung der Abwehrkräfte durch Einnahme gesunder, vitaminreicher Nahrung. Statt dessen wird die Schweinegrippe kapitalistisch vermarktet. Der Verkauf von Grippemittel und Impfstoffen boomt. Allein die deutschen Bundesländer orderten bereits 50 Millionen Dosen; die geschätzten Kosten hierfür belaufen sich auf 500 bis 600 Millionen Euro. Für die Lieferung des Impfstoffs muß im voraus gezahlt werden. Der Umstand der Vorkasse ist bemerkenswert, denn bekanntlich gibt es den Impfstoff derzeit noch gar nicht. Bund und Länder kaufen gewissermaßen die Katze im Sack.

Das ist die eine Seite. Die andere ist der hier übergreifende Aspekt der Volksgesundheit. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) warnt vor einer zu geringen Bevorratung antiviraler Medikamente in Deutschland. Dem Chefarzt der Klinik für Infektiologie am Klinikum St. Georg in Leipzig, Bernhard Ruf, zufolge, haben sechs der 16 Bundesländer nur für 11 bis 14 Prozent ihrer Bevölkerung antivirale Medikamente eingelagert und erfüllen damit nicht einmal die Vorgabe des nationalen Pandemieplans, der eine Bevorratung von mindestens 20 Prozent vorsieht. Die Weltgesundheitsorganisation geht noch einen Schritt weiter und empfiehlt sogar einen Medikamentenvorrat für 30 Prozent der Bevölkerung. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei der Bevorratung antiviraler Medikamente auf einem der hinteren Plätze. In einer Rangfolge, die von der Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives im November 2008 veröffentlicht wurde, belegt Deutschland unter 22 europäischen Ländern mit einer angestrebten Bevorratung von 20 Prozent nur Platz 17. Unter 36 Ländern weltweit sieht es mit Rang 27 nicht gerade vorteilhafter aus. Damit ist es deutlich, daß die Bundesländer ihrer Verantwortung zum Schutz des Volkes ganz offensichtlich nicht in vollem Umfang nachgekommen sind – und das ist noch gelinde ausgedrückt:

Bei einer Bevorratung für 20 Prozent der Einwohner können die Mittel nur für die Therapie bereits Erkrankter eingesetzt werden. Nach dem jetzigen Plan ist nicht mal die vorsorgliche Einnahme der Medikamente für erstversorgende Ärzte und Helfer vorgesehen. Nur um es ganz deutlich hervorzuheben: Für medizinisches Personal, Angehörige von Hilfsorganisationen sowie andere, für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Ordnung wichtige Personengruppen, ist eine prophylaktische Versorgung mit Arzneimitteln nicht vorgesehen. Dieser Umstand dürfte sich im Ernstfall als katastrophal herausstellen.

Bei der bevorstehenden Impfung, die zunächst noch auf freiwilliger Basis durchgeführt werden soll, sollen zunächst etwa 25 Millionen Bundesbürger gegen die Schweinegrippe immunisiert werden. Risikogruppen, wie chronisch Kranke und Schwangere, sollen nach dem Willen der Bundesgesundheitsministerin dabei zuerst berücksichtigt werden. Da ist es nicht gerade vertrauenserweckend, wenn sie andererseits davor warnt, Kinder impfen zu lassen.

Dabei müßten die Bedenken für jedermann gelten: Es können keine verläßlichen Angaben über mögliche Nebenwirkungen gemacht werden! Normalerweise dauern die Testphasen für medizinische Wirkstoffe mehrere Jahre. Bei dem Impfstoff gegen die Schweinegrippe standen lediglich einige Wochen zur Verfügung. Jeder Deutsche sollte sich die Warnung des Arztes und Apothekers Wolfgang Becker-Brüser zu Herzen nehmen: Durch die kurze Erprobungszeit des Impfstoffes können seltene Nebenwirkungen, auch solche in schwerster Form, kaum auszumachen sein. Sollten sie nach einigen Monaten oder gar Jahren bei der Masse der Geimpften auftreten, wären wir mit einer echten volksgesundheitlichen Katastrophe konfrontiert. Daß wir uns dann wieder vertrauensvoll an die Systempolitiker im Gesundheitsministerium wenden sollen, ist nur ein schwacher Trost.

Claus Nordbruch

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